Burgfestspiele: Fulminante Kultburg-Inszenierung der »Witwendramen« - Tiefschwarze und schräge Episoden-Revue von Fitzgerald Kusz

Alzenau  Die Premiere der »Witwendramen« des fränkischen Schriftstellers Fitzgerald Kusz entpuppte sich am Sonntagabend im oberen Burghof als bislang fulminanter Höhepunkt der diesjährigen Burgfestspiele.

Die fünf Schauspielerinnen des Alzenauer Theatervereins Kultburg traten gemeinsam mit ihrer Regisseurin Anni Christ-Dahm als Energie geladenes Frauenquintett auf, das die Zuschauer bereits nach den ersten von insgesamt 32 Szenen im Sturm erobert hatte. Marianne Hofmann, Maria Fleschhut, Maria Schiller und Britta Olbrich zogen gemeinsam mit Christ-Dahm alle Register ihres Könnens und verwischten die Grenzen zwischen Laien- und Profitheater mühelos mit einem Schlenker des kleinen Fingers.

Dabei stellt die schräge Revue des 1944 in Nürnberg geborenen Kusz besondere Herausforderungen. Insgesamt 58 Szenen rund um die Themen Witwen, Tod, Trauer und Verlust stellt der Autor in einer Art Materialsammlung zur Verfügung. Einfach sei es ihr gefallen, so Regisseurin Anni Christ-Dahm, die 32 Episoden für die Burgfestspiele herauszusuchen. »Ich wusste auch gleich, wie die Besetzung aussehen soll«, erzählt sie, die trotz Erkältung und angekratzter Stimme die Premiere durchgehalten hat. Als Regieassistentin stand ihr Christiane Köster zur Seite. 

Geschichten, wie das Leben sie schreibt, liefert Kusz, einige tieftraurig, andere urkomisch oder bitterböse. Teilweise jongliert der Schriftsteller von Mundart-Klassikern wie »Schweig, Bub!« haarscharf am Abgrund zur Pietätlosigkeit entlang, überschreitet sie doch nie.

Schwarz, schwärzer, Witwendramen möchte man die Steigerungsform fortsetzen. Manchmal bleibt es mucksmäuschenstill nach einer Szene, in den meisten Fällen schallt befreiendes Gelächter über die fast intim anmutende Spielstätte, in der das Stück noch authentischer wirkt als auf einer Bühne, die weiter weg von den Publikumsplätzen ist.

Dauerthema Männer

Einige Themen ziehen sich wie ein roter Faden mit Fortsetzungen durch die zweieinhalbstündige Aufführung (inklusive Pause). Im Treppenhaus, im Fitnessstudio, im Park oder an der Endhaltestelle Waldfriedhof parlieren die Witwen miteinander oder halten Monologe.

Die eine ist froh, ihren Mann endlich los zu sein, wie die junge Frau, die sich auf dem Friedhof in einer Art Befreiungsschlag von dem Ehe-Tyrann lösen möchte. Dazu trinkt sie mit ihrer Freundin Schnäpse auf ex und wirft die kleinen Fläschchen auf das Grab des gehassten Verstorbenen (»der Arsch hat mich immer noch fest im Griff. Der lebt in meinem Kopf weiter!«).

In jeder Szene wechseln die Kultburglerinnen die Kostüme inklusive Perücke, Hüte, Schmuck, Handtasche und was frau sonst noch so mit sich trägt. Teilweise biegt sich das Publikum schon beim bloßen Anblick der Witwen vor Lachen auf seinen Plätzen. Vor allem Marianne Hofmann und ihre Schwester Anni Christ-Dahm, die auch als »Duo Uffschnitt« auftreten, sind für die Bühne wie geschaffen. Ihre Wandlungsfähigkeit kennt keine Grenzen. Die mondäne Witwe Jackie Onassis mit strahlendem Lächeln (in der Reihe »Berühmte Witwen«) wird genauso überzeugend gegeben wie eine herbe Kaffeetante mit Dauerwelle und Hornbrille.

Zwischen Trauer (»was gäb’ ich dafür, wenn ich seine Krümel noch mal wegräumen dürfte«) und Pragmatik (»ich brauch keinen Mann, ich brauch eine Gehhilfe«), zwischen Tortenteller und Fitnesshantel, bei der Testamentseröffnung mit bitterer Überraschung für die langjährige Ehefrau und am Kaufhauswühltisch - Kuszs Szenen zeigen, wie das Leben auch nach dem Tod weitertobt, welche Veränderungen mit den Witwen vor sich gehen in all ihren negativen und positiven Konsequenzen. Die eine blüht auf, die andere verwelkt. Für die eine beginnt das Leben, für die andere ist es zu Ende gegangen.

Todesanzeigen und Danksagungen werden verlesen, aber auch Männerwitze und andere Weisheiten verkündet, bei denen die anwesenden Männer brav mitspielen und in das schallende Gelächter der Frauen mit einstimmen. Einigen Herren sieht man die Anstrengung ein wenig an.

Dabei lernt man die Weisheit argentinischer Sprichwörter kennen (»Es ist besser, der zweite Mann einer Witwe zu sein als ihr erster«) und erhält die Antwort auf die existenzielle Frage »Was macht eine Frau, wenn ein Mann aus dem Fenster springen will?«. Die Antwort ahnt man bereits: »Sie gibt ihm den Müll mit.«

 

Doris Huhn

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