Alzenau Am »vielleicht schönsten Platz von ganz Alzenau« nach Meinung des Kultburg-Vorsitzenden Roland Kilchenstein startete der Alzenauer Theaterverein am Freitagabend seine neue Reihe »Kultburg Open« mit der Inszenierung von William Shakespeares Werk »Verlorene Liebesmüh« (Regie: Josef Pömmerl).

Unter der großen Kastanie im ausverkauften oberen Hof der Burg konnten es sich die 150 Besucher gut gehen lassen. Begleitet von den Strahlen der Abendsonne, ohne ein einziges Tröpfchen Regen und assistiert vom Vogelgezwitscher und dem Quietschen der Bembel-Bahn, damit niemand die Bodenhaftung verlor, gelang dem neunköpfigen Ensemble eine starke Teamleistung, die zur rechten Zeit am rechten Ort stattfand.

Geschickt nutzte die Amateurtruppe die Nische vor dem Beginn der Burgfestspiele, bei der nur noch professionelle Künstler auftreten dürfen. Die Kultburgler, die sich der Burg bereits im Namen verschrieben haben, bestätigten mit ihrem Auftritt, dass beste Unterhaltung immer kombiniert ist mit Herzblut, und dass Lokalverbundenheit eine Aufführung entscheidend unterstützen kann. Das begeisterte Premierenpublikum spendete der 170-minütigen Inszenierung (inklusive Pause) kräftigen Applaus.

Eher unbekanntes Stück

Regisseur Pömmerl, der auch in die Rolle des Herzogs schlüpfte, griff im Falle des fast unbekannten Shakespeare-Stücks zu einer Bearbeitung des 2008 verstorbenen Horst Jüssen, denn das Original, so der Regisseur, sei wegen heute unverständlicher Vokabeln und Anspielungen nicht mehr spielbar. Eine Art Boulevardkomödie hat »Klimbim«-Star Jüssen daraus gemacht, die sich vier Paaren widmet, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Diesen vier Temperamenten, die einmal in der weiblichen und einmal in der männlichen Variante vorgeführt werden, verschwören sich die Schauspieler mit Leib und Seele. Neben dem souveränen Josef Pömmerl spielt Heiko Bozem den direkt-forschen Biron, Matthias Wissel den weichherzig-gefühlvollen Dichter Doumais und Peter Lubetzky die Figur Longaville, für den Liebe durch den Magen geht.

Auf der Seite der Frauen stehen der taffen Prinzessin (Carmen Reichenbach) die emanzipierte Rosalie (Ursula Ströckl-Elsesser), die romantische Maria (Nicole Bozem) und die einfühlsame Katherine (Moniera Romann) gegenüber. Mal als Narr, mal als Philosoph fungiert Diener Schädel, für dessen Darstellung Gabi Wittemann ein Extralob gebührt. Mimisch und gestisch bringt sie den Publikumsliebling ausdrucksstark auf die Bühne und die Gäste immer wieder zum Lachen, wenn sie sich über die gesalbten Liebessprüche mokiert: »Selbst aus einem frisch geschlachteten Schwein könnte man nicht so eine gute Sülze gewinnen!«.

Das Liebes-Karussell der Paare, das durch einen Schwur der vier Männer zunächst ins Stocken gerät, dann Fahrt aufnimmt, gefährlich wackelt und sich schließlich in den siebten Himmel dreht, wird bestimmt durch witzige Dialoge, in denen die Frauen über die Männer und die Männer über die Frauen lästern (Kommentar zu einem Liebesbrief: »Ein Kaufmann schreibt die Rechnung romantischer!«). Dem Paar Rosalie und Biron reichen ihre scharfen Zungen nicht aus, um ihre Emotionen auszuleben. Sie greifen zu den Degen und parieren ihre bissigen Kommentare mit ebenso treffenden Hieben ihrer Klingen. Das Publikum, das nach der Pause jede Szene mit Applaus begleitet, ist begeistert von der Action-Einlage.

»Wenn Männer droh’n, ist die Gefahr schon fast vorbei«, lautet die weitere Weisheit einer Auserwählten. Am Ende findet jedes Töpfchen sein Deckelchen und vor der von romantischen Lichtern strahlenden Hecke werben die Männer nicht nur mit glänzendem Schmuck um ihre Geliebten, sondern auch mit polierten Worten. Das klingt bei Longaville, bei dem die Liebe durch den Magen geht, logischerweise so: »Wollt ihr die Frau sein, die gemeinsam mit mir - in der Küche stehen will?«

Spitzen, Schleifen, Rüschen

»Verlorene Liebesmüh« punktet durch die große Spielfreude des Ensembles und auch dank der engagierten Arbeit des Teams hinter den Kulissen. Allen voran Kostüm-Fee Barbara Vogel-Hohm, die bei den weiblichen Rollen diesmal in Spitzen, Schleifen, Rüschen und Bändern schwelgen durfte.

Doris Huhn