Verhaftet für die Kunst

Kunstprofessor Heiner Blum fotografiert Alzenauer Bürger für die Frankfurter Uniklinik

Alzenau/Frankfurt. »Schade, dass ihr keine abstehenden Ohren habt.« Als Fotomodell muss man sich an solche Bemerkungen wohl gewöhnen. Und wehren kann ich mich sowieso nicht. Schließlich trage ich Handschellen. Verhaftet für die Kunst: Heiner Blum, Professor für Experimentelle Raumkunst in Offenbach, hat am Wochenende in Alzenau 40 Menschen für das Kunstprojekt »Glücksmomente« fotografiert. Sie werden künftig Patienten und Besucher in der Frankfurter Uniklinik begrüßen. Die Klinik wird derzeit - von 2001 bis 2010 - für 245 Millionen Euro umgebaut.

 

Blum hatte für sein Projekt Menschen gesucht, die etwas miteinander zu tun haben, aber doch verschieden sind, was Alter, Herkunft und Gestalt angeht. Fündig wurde er beim Alzenauer Theaterverein Kultburg. »Die Vorstellung, dass hier ein Dorf zusammen Theater spielt, fand ich sehr reizvoll.« Wobei Alzenau natürlich kein Dorf ist, und der Verein mit seinen rund 50 Mitgliedern gerade einmal 0,25 Prozent der Einwohner umfasst. Den Kontakt hat Emilia Neumann hergestellt, Studentin an der Hochschule und Mitspielerin in der Theatergruppe. Sie hat auch die 40 Fotomotive geworben. Von jedem Freiwilligen musste sie eine genaue Beschreibung abgeben. Heiner Blum hat daraus Zweier- und Dreiergruppen gebildet, die nach einem exakten Zeitplan abgelichtet werden. Da Heiner Blum hierfür die Vereinsräume benutzen durfte, konnte er in zwei Tagen fotografieren, was sonst zwei Wochen gedauert hätte. Dazu hat er sich mit zwei Stylistinnen wortwörtlich »eingenistet«. In allen Räumen türmen sich Kisten und Kästen mit Requisiten. Mehrere Kleiderständer hängen voll mit Jacken und Kostümen. Auf einem Tisch türmen sich Hüte. Hinzu kommen Lebensmittel und all die Dinge, die drei Menschen für ein Wochenende benötigen. Der Probenraum hat sich in ein Fotoatelier verwandelt. Zwei Strahler sind an die Decke gerichtet, weißes Papier dient als Hintergrund. Zusammen mit Klaus Kolb, Angestellter bei Siemens in Erlangen, bilde ich die erste Zweiergruppe.

Heiner Blum

"Auf jedem Bild sollen die Menschen miteinander Kontakt haben." (Heiner Blum)


Die Anweisung war, dass jeder so zum Termin zu kommen hatte, als wenn er einen Frühlingsspaziergang unternehmen würde. Man sollte weitere Kleidung zur Auswahl mitbringen. Aber die Wechselkleidung ist bei mir unnötig. »Perfekt«, meint Heiner Blum zu Cargohose und Daunenweste. Nur die Ärmel etwas hochgekrempelt - für die Handschellen.

Wir werden als Umrisse zu sehen sein. Fünf Zeichner werden die Fotos in Schattenrisse verwandeln, die mit Lasertechnik in Fensterscheiben gefräst werden. Sie sollen eine gläserne Brücke in der neuen Eingangshalle der Klinik zieren, die im Juli eröffnet wird. Dies dient auch als Sichtschutz für die Patienten, die zwischen Bettenhaus und Behandlungsräumen durchgeschoben werden.

Bei uns wird hingegen jedes einzelne Haar zu erkennen sein. Deswegen müssen meine Haare streng nach hinten gekämmt werden. Denn Ohren sind wichtig für den Eindruck. Mit Klammern werden die Haare gebändigt. Nur schlecht, wenn man widerborstiges Haar hat. Am Ende wird mit der Schere abgeschnitten, was sich nicht bändigen lässt. »Wie sieht das wohl hinterher aus, wenn wir die Haare wieder auflösen?«, überlegt die Stylistin. Was tut man nicht alles für die Kunst! Wir sollen die Betrachter freundlich grüßen, aber Heiner Blum will in jedes Bild einen kleinen Gegenpol einbauen. Es soll kein ungetrübtes Glück sein. Daher die Handschellen. Mit diesen kleinen Details will er erreichen, dass Patienten und Besucher auch auf dem dritten und vierten Blick Neues entdecken können.

HandschellenbildZunächst werden nur die gefesselten Hände fotografiert. Der Künstler sitzt auf einem Stuhl, mustert alles genau. »Hände etwas weiter auseinander«, lautet die Anweisung. »Finger weiter spreizen, Mittelfinger mehr nach oben.« Der fängt an zu zittern. Krampf im Mittelfinger. Also Hände ausschütteln und von vorn.

Dann die Gesamtaufnahme: »Stellt euch vor, ihr seid gerade aus dem Gefängnis ausgebrochen, habt euch neue Kleidung besorgt, und geht glücklich die Straße herunter. Und plötzlich begegnet ihr einem Polizisten. Wie grüßt ihr ihn?« Wie grüßt man in Handschellen einen Polizisten? Kopf leicht zur Seite, verlegenes Lächeln, zaghaftes Winken. »Gut so«, sagt Heiner Blum. »Links die Hand etwas runter, rechts ein Stück nach oben.« Foto! »Neues Angebot«, fordert er.

Gesamtbild HäftlingeAls wir endlich fertig sind, steht die ganze Fotoaktion erst am Anfang. Nach uns kommen die drei Damen im Morgenmantel und danach die Mutter mit dem zappelnden Kind. Das Ergebnis wird in etwa zwei Monaten zu sehen sein. Dann wird die Bildergalerie in der Uniklinik angebracht.

Josef Pömmerl
Foto: Peter Rogowsky
Informationen zum Umbau der Uniklinik: www.erweiterungsbau.kgu.de

Zusätzliche Informationen

Wir nutzen Cookies auf unserer Website. Einige von ihnen sind essenziell für den Betrieb der Seite, während andere uns helfen, diese Website und die Nutzererfahrung zu verbessern (Tracking Cookies). Sie können selbst entscheiden, ob Sie die Cookies zulassen möchten. Bitte beachten Sie, dass bei einer Ablehnung womöglich nicht mehr alle Funktionalitäten der Seite zur Verfügung stehen.