»Geschlemmt, geschrieen und gelallt«

Ausverkaufte Premiere des Kultburg-Stücks »Schweig, Bub!« im Alzenauer Maximilian-Kolbe-Haus

Alzenau. Es wird gegessen, unheimlich viel gegessen. Dampfende Klöße, Schweinebraten, Torte, Bratwürste und Sauerkraut. Dazu wird getrunken, in vollen Zügen, Kaffee, Bier, Wein und natürlich Schnaps. Beste Grundlage zur Familienfarce »Schweig, Bub!«, die der Alzenauer Theaterverein Kultburg am Donnerstagabend als erste von insgesamt vier Aufführungen im Maximilian-Kolbe-Haus präsentierte.

 

Die achtköpfige Truppe unter der Regie von Uwe Schramm macht ihre Sache gut, sogar sehr gut. Fast zweieinhalb Stunden lang tobt der ganz normale Familienwahnsinn dort vorne auf der Bühne im Rahmen
einer Konfirmationsfeier, und der Wiedererkennungswert ist famos. 30 Jahre alt ist der Volksstück-Klassiker des fränkischen Autors Fitzgerald Kusz und trotzdem hat sich nicht viel geändert, wenn die liebe Familie zu einem Fest zusammenkommt, das ganz besonders schön werden soll.

Die 110 Besucher sind schnell gefesselt von dem flüssigen Spiel der Theaterspieler, die im stimmigen Rahmen (Ausstattung, Kostüme und Frisuren sind perfekt auf die 70er Jahre zugeschnitten) agieren. Klein-, gut- und vor allem spießbürgerlich geht es zu an der fein gedeckten Tafel. Vom Mittagessen bis zum Absacker lange nach Mitternacht wird geschlemmt, gesprochen, gemäkelt, gezetert und zum Schluss geschrieen, geheult und gelallt.

Dabei verwandelt sich das Klima schleichend. Was mit kleinen Sticheleien und Seitenhieben beginnt, endet im offenen Krieg. Die Versöhnung angesichts des hohen Feiertages muss zwingend her und wird hinter den Kulissen vollzogen, am Ende »war doch alles schee« – nur der Pfarrer ist nicht gekommen!

Das Stück gewinnt durch seinen Dialekt, der die Schauspieler und das Publikum noch näher zusammen bringt. Natürlich gibt es hier auch deftigere Schimpfwörter, die satter klingen. Was ist schon ein Ar… gegen einen »aalen Depp« oder einen »Saubär«…

Die Hauptfigur des Tages sollte eigentlich Konfirmand Fritz sein (Niklas Bister-Reichardt). Doch dieser wird bei seiner ersten Wortmeldung von seiner Mutter (Maria Fleschhut) mit den titelgebenden Worten »Schweig, Bub!« in den Senkel gestellt. Sein Vater (Roland Kilchenstein) wartet auf einen günstigen Moment, um endlich den Schnaps auf den Tisch zu bringen. Gerda (Britta Olbrich) spricht als einzige hochdeutsch und tut so, als wäre sie etwas Besseres. Zumindest glaubt sie ihren Mann (Josef Pömmerl) fest unter ihrem Pantoffel, bestehen seine Wortbeiträge zu ihren Kommentaren doch überwiegend aus einem schlichten »Ja, ja«. Doch der Gatte sitzt einige Plätze weit weg von ihr und nutzt die Gunst der Stunde, um die von ihrem Mann betrogene Hannelore (Anni Christ-Dahm) zu trösten. Dabei wird heftig unter dem Tisch gefüßelt und seine Hände scheinen fast an den feinbestrumpften Beinen zu kleben.

Interessiert an einem Techtelmechtel ist auch Willi (Manfred »Tschang« Jung), der sich herrliche Wortgefechte mit seiner Frau Anna (Maria Schiller) liefert. Allein diese wären schon den Eintritt wert. Annas zahl- und wortreich bekannt gegebene Lebensansichten über Küchenrezepte, Kirchensteuer, Politik, verpasste Chancen, die Männer im Allgemeinen, ihren Mann im Besonderen, das Leben vor und nach dem Tod sorgen immer wieder für Heiterkeit im Publikum.

Irgendwann nach dem Abendessen, das Sauerkraut beginnt gerade in den übervollen Bäuchen zu gären, platzt die Bombe auf der Bühne. Die Eltern des Konfirmanden schreien sich an, dass die Fetzen fliegen, jeder brüllt seine eigenen Unzufriedenheiten hinaus und alles »kommt von der Scheißsauferei«. Doch spätestens bei den Kuchenresten ist die Krise hübsch unter den Teppich gekehrt und als der Bub ins Bett geschickt wird, kann der Rest endlich »die Sau raus lassen«.

»Schweig, Bub!« ist ein zeitlos gesellschaftskritisches Stück, das die Kultburg frisch auf den Punkt gebracht hat. Regisseur Schramm hat ein gutes Händchen bewiesen und die Rollen optimal besetzt. »Ich hab’s schon im Fernsehn gesehn, aber das hier war noch besser«, resümierte eine Besucherin auf dem Heimweg. Live ist halt unübertrefflich.

Doris Huhn

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