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Der Workshop zum Thema “Technik und Beleuchtung” findet am 11. Februar in unseren Räumen statt. Beginn ist 10.00 Uhr. Bitte bei Christiane Köster anmelden.
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Alzenau »Hochachtung und Respekt« zollte Roland Kilchenstein, Vorsitzender des Alzenauer Theatervereins Kultburg, den vier Akteuren von Samuel Becketts absurdem Stück »Endspiel«, das von Freitag bis Sonntag gleich dreimal im Rittersaal der Burg aufgeführt wurde. »Die Schauspieler haben Erstaunliches geleistet«, lobte er nicht nur Regisseurin Christine Mareck-Brünnler, die in Doppelfunktion die Rolle der Nell übernommen hatte, sondern auch Harald Gelowicz, der den blinden Hamm verkörperte, Michael Ruppel als dessen Adoptivsohn und Diener Clov, sowie Timo Jahn, der Hamms Vater Nagg spielte. Er und Nell haben bei einem Unfall ihre Beine verloren und leben seitdem in Mülltonnen.
Die vier sind die einzigen Überlebenden einer globalen Katastrophe. Eine Projektion an das Mauerwerk des Rittersaals verkündet dem langsam eintrudelnden Publikum: »Auch der Rittersaal befindet sich im Zustand nach einem Super-Gau. Doch mit ein paar Handgriffen kann der geneigte Besucher selbst wieder Ordnung schaffen.« In der Tat, auf den Stühlen liegen leere Getränkedosen und Plastikverpackungen, Klopapierrollen schlängeln sich malerisch über die Stuhlreihen. Gut gelaunt machen die Gäste ihre Plätze frei und entsorgen den Müll-Super-Gau in einer bereitgestellten Tonne, die per Schild klagt: »Ich fühl mich so leer!«
Leer ist auch die Welt in »Endspiel«. Das Leben ist ein apokalyptischer Alptraum, in dem sich die vier Überlebenden ihren Alltag so schwer wie möglich machen. Der 1916 geborene Beckett schrieb seinen Welterfolg im Jahr 1956. Er wurde damit nach »Warten auf Godot« endgültig zum Begründer des modernen absurden Theaters. 1969 wurde er mit dem Nobelpreis für Literatur ausgezeichnet.
In »Endspiel« werden die Personen »in einer metaphysischen Ausweglosigkeit« gezeigt, schreibt Regisseurin Mareck-Brünnler im Programmheft. »Die Einheit von Zeit, Ort und Handlung sind in Becketts »Endspiel« aufgelöst. Die Zeit läuft nicht mehr ab, sie wird zu einem fixierten Dauerzustand, hier dem Vegetieren. Der Ort ist überall und nirgends.«
Eine Bravourleistung ist es, wie der Amateur-Theaterverein die Herausforderung stemmt und dabei gewinnt. Der Einakter wird in einem Rutsch durchgespielt – 90 Minuten lang, in denen Publikum und Akteure eine Beziehung eingehen. Die Zuschauer lassen sich auf das moderne Werk ein und können nur staunen, welche kulturellen Perlen in Alzenau zu entdecken sind, wenn man danach sucht.
Der blinde Hamm, der im Rollstuhl sitzt, und sein gehbehinderter Diener Clov quälen sich gegenseitig mit grausamen Wortspielereien und finden keine Ebene, auf der sie den katastrophalen Ist-Zustand verarbeiten können. Die Dialoge der in Mülltonnen lebenden Eltern Hamms, die bei einem Unfall ihre Beine verloren haben, spielen auf einer emotional liebevolleren Basis. Doch niemand gewinnt hier, denn niemand kann vergeben. »Verfluchter Erzeuger«, herrscht Hamm seinen Vater an und fordert von Clov: »Weg mit diesem Dreck. Ins Meer damit!« Alzenau wird ganz nah in diese irreale Welt geholt, als Hamm Clov zunächst befiehlt, mit dem Fernglas die Ruine des Kraftwerks anzuschauen und dann fordert: »Sieh dir den Turm der Villa Messmer an!«
Zu lachen gibt es für das Publikum nicht allzu viel, das ist aber auch nicht die Intention des Stücks. Unfreiwillige Komik erzeugt die Szene, in der ein kleiner Stoffhund quer durch den Rittersaal geworfen wird und prompt eine bis dahin noch gefüllte Getränkeflasche umwirft. Gut, dass so viele Klopapierrollen zur Hand sind …
Mit der Aufführung von Samuel Becketts »Endspiel« beweist der Alzenauer Theaterverein, dass er im zehnten Jahr seines Bestehens leistungsstärker als zuvor ist und Herausforderungen bravourös besteht, die selbst Profitruppen zur Verzweiflung treiben können. Was lediglich noch fehlt, sind mehr Besucher, die sich dieser schweren Kost und der damit verbundenen Herausforderung stellen. Manchmal muss man sich eben auf ein »Endspiel« einlassen, »denn das Ende liegt im Anfang«, überall und nirgends.
Doris Huhn
Alzenauer Theaterverein Kultburg Ohne lange Reden und Ehrungen kam das Jubiläum zum zehnjährigen Geburtstag des Alzenauer Theatervereins Kultburg am Samstagabend und Sonntagmittag im Maximilian-Kolbe-Haus aus. Der rührige Verein besann sich stattdessen auf das, was er am besten kann: Theater spielen ohne Wenn und Aber, dafür mit Herzblut und Engagement.
Und da hier die Kinder- und Jugendarbeit ganz groß geschrieben wird, hatten die Kultburg-Kids unter der Leitung von Stefka Huelsz-Traeger und Marianne Hofmann die ehrenvolle Aufgabe, die zahlreichen Besucher, darunter viele Leute der ersten Stunde, mit ihrem Spiel zu begrüßen.
Großartig gelang es dem Nachwuchs, der in dieser Konstellation noch nicht auf der Bühne gestanden hatte, mit drei gelungenen Sketchen und der »Sage vom Luhmännchen« mit kräftigem Lokalkolorit das Publikum zu unterhalten. Mit Felix Kühne, Aylin Stein, Jennifer Lohr, Jasmin Rosenberger, Jakob Meder, Nathalie Graul, Mai-Britt Wombacher, Antonia Beinenz und Elyssa Rivera kann die Kultburg auf starken Nachwuchs setzen, der bereits jetzt das Credo des Vereins voll verinnerlicht hat.
Vorsitzender Roland Kilchenstein begrüßte unter den Gästen besonders herzlich Ehrenbürger Walter Scharwies, den »geistigen Gründervater« der Kultburg. Rund 40 Theaterstücke hat die Kultburg im Lauf von zehn Jahren auf der Bühne, in der Burg, im Freien und in ihren eigenen Räumen aufgeführt. Alle Stücke hatten gemeinsam, dass sie »niveauvoll und unterhaltsam« waren. »Die Kultburg versteht sich als Amateurtheaterverein und nicht als Laienschauspieltruppe«, betonte Kilchenstein. Er nannte drei Ziele für die Zukunft:
»Ich sage Danke dafür, dass Sie uns seit zehn Jahren mit Ihrem Können erfreuen und uns auf diese Weise an ihren Talenten teilhaben lassen«, begann Bürgermeister Alexander Legler das einzige Grußwort des Abends und bescheinigte den Kultburglern, dass sie »mit Stolz und Freude über das bis heute von Ihnen Erreichte Ihr Jubiläum begehen können«. Als sozusagen »lose Gruppe« gestartet, habe sich der Verein »rasch und sehr erfolgreich als hochkarätiges und mit Herzblut auftretendes Theaterensemble etabliert, das mit einem breiten Spektrum an Aufführungen das kulturelle Leben unserer Stadt aktiv mitgestaltet und bereichert. Sie haben sich von Beginn an in die Herzen Ihres Publikums gespielt«, lobte Legler.
Der Rathauschef hob außerdem hervor, dass der Truppe kein Genre des Theaters fremd ist – »ob Drama oder Komödie, ob Nachdenkliches oder Amüsantes, ob schwere oder leichte Kost, Aufführungen moderner oder historischer Art«. Er lobte nicht nur die Nachwuchsarbeit, sondern auch das »seit zehn Jahren bestehende ehrenamtliche Engagement und persönliche Einsatzbereitschaft für das kulturelle Leben unserer Stadt«. Ein kleines Geldgeschenk des Bürgermeisters wird für die Nachwuchsarbeit verwendet.
In gut 20 von Uschi Jebe ausgewählten Szenen ohne Moderation und fast mit improvisatorischem Charakter ließ die Kultburg einige Stücke aus den vergangenen zehn Jahren Revue passieren. Der Clou dabei: Auf der Leinwand hinter den Schauspielern liefen Filmmitschnitte der damaligen Aufführungen, während auf der realen Bühne die Schauspieler von damals, nahezu unkostümiert, nur mit einigen Requisiten versehen, agierten.
Besonders witzig war das bei einer Kinderszene aus »Meister Lukas«. Aus den Kindern von damals sind Erwachsene geworden und als sich das kleine Mädchen aus dem Jahr 2001 als junge Frau auf den Schoß der Erzählerin setzt, sorgte das für große Heiterkeit. Spannende Szenen, wie zwei starke Fechtduelle, bei denen es richtig zur Sache ging, romantisches aus »Romeo und Julia«, witziges wie die Stehcafé-Szene aus »Witwendramen«, kindgerechtes mit Biene Maja und Mistkäfer Kurt, musikalisches vom Kultburg-Rabenchor oder nachdenkliches aus dem Jugendstück »Die Welle« waren nicht nur kurzweilig gespielt, sondern stellten eindrucksvoll dar, welche Riesenleistung hinter den vielen Aufführungen der Kultburg und den zehn Jahren steckt.
Mit einer Szene aus der neuesten Produktion »Adams Äpfel« endete der Jubiläumsabend, und Roland Kilchenstein verkündete: »Und jetzt macht die Kultburg, was sie auch sehr gut kann: feiern!«
Eines steht felsenfest: Auf die nächsten zehn Kultburg-Jahre kann man sich jetzt schon ganz kräftig freuen. Und den Slogan »Ein Verein macht Theater« könnte man umformulieren in »Ein Verein lebt Theater!«.
Doris Huhn